Benutzer:MaryThorp117

Aus PhysikWiki

(Unterschied zwischen Versionen)
Wechseln zu: Navigation, Suche
207.244.119.236 (Diskussion)
(Die Seite wurde neu angelegt: „<br>DAS JAHRHUNDERT DER MASSENKULTUR Die Dichter und die Macht Revolutionen und Kriege trieben viele Schriftsteller aus ihrer künstlerischen Isolation. Vor allem…“)

Aktuelle Version vom 15:25, 14. Jul. 2019


DAS JAHRHUNDERT DER MASSENKULTUR Die Dichter und die Macht Revolutionen und Kriege trieben viele Schriftsteller aus ihrer künstlerischen Isolation. Vor allem seit dem Ersten Weltkrieg ergriffen sie Partei, nahmen teil an der Politik, mitunter auch an der Macht.youtube.com Bedeutsam wollten sie sein, auch in der Gesellschaft, aber der Erfolg war nur mäßig.youtube.com Zwei Welten, zwei Kulturen. Überhaupt ist vielleicht niemals so angespannt und bedeutungsvoll geschrieben und gelesen worden wie in diesen Jahrzehnten, als der geschlossene Kosmos des "realen Sozialismus" immer mehr Risse bekam. Kein Zufall wohl auch, dass im Moment, als der Vorhang zerriss und die Mauer fiel, Schriftsteller, Künstler, Intellektuelle in die vorderste Linie der gesellschaftlichen Bewegung rückten. Zola sprach nicht einfach als prominenter und besorgter Staatsbürger, sondern als der Autor des 20-bändigen Romanzyklus der "Rougon-Macquart", der die Gesellschaft Frankreichs, fast wie in einem zweiten Schöpfungsakt, in ein Gesamtgemälde gebannt hatte.


Nicht nur in den "Kulturnationen" Mittel- und Osteuropas, von Deutschland bis Russland, waren die Dichter und Denker im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts ideelle Mittelpunkte der Nation und verehrte Objekte einer eigentümlichen Kunstreligion geworden. Auch in den Staatsnationen des Westens - und gerade in Frankreich - waren sie in eine ähnlich überhöhte Position als Seher, Mahner, Ankläger, Aufklärer und Propheten gerückt, die die Rolle eines "Gewissens der Gesellschaft" oder "Ersatzparlaments" einnahmen. Aber Zolas Gegenspieler Maurice Barrès war ebenfalls Schriftsteller und Intellektueller. Wo Zola auf Recht und Vernunft pochte, da betonte Barrès die Macht der Gefühle und die Bande des "Blutes". Soviel sympathischer und moderner die Position Zolas und seiner Anhänger war, so nüchtern lässt sich von heute aus auch die Problematik ihrer universalistischen Geltungsansprüche bezeichnen, die sich gerade in der neu aufgekommenen Bezeichnung als "Intellektuelle" zeigte.


Anatole France übersetzte diesen Begriff als "Gebildete mit Urteilskraft", die in besonderer Weise geeignet seien, "in Angelegenheiten der allgemeinen Ordnung und des öffentlichen Interesses das Wahre vom Falschen zu unterscheiden". Aus der historischen Distanz wird deutlich, dass zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs eben nicht allein die "Torheit der Regierenden" und die imperiale Konkurrenz der Mächte, sondern auch die überspannten Erwartungen und panischen Ängste der beteiligten Gesellschaften wesentlich beigetragen haben. Dieser Krieg, der, je länger, desto mehr, die Züge eines totalen europäischen Bürgerkrieges annahm, wurde, wie kaum ein anderes historisches Ereignis, zur Stunde der Dichter. So hatte in klirrend expressionistischer Diktion der verhinderte königlich bayerische Fahnenjunker Johannes R. Becher im Mai 1914 "einen großen Weltkrieg" herbeigesehnt - um sich, wie viele Enthusiasten der ersten Stunde, später unter Revolutionären wiederzufinden. Die Motive und die Sprache mussten sich dabei gar nicht so sehr ändern.


Denn auch die Kriegsdichtung erschöpfte sich keineswegs in plumper Propaganda gegen den Feind, sondern schwelgte in höchsten menschheitlichen Berufungen und Selbstberufungen - und das auf allen Seiten. Als eine "Wiederholung der Dreyfus-Affäre in kolossalisch vergrößertem Maßstabe" stellte sich Thomas Mann dieser ganze Weltkrieg dar. Darin lag der höchst zeitgemäße Gedanke, dass, wenn man für große Entwürfe und Prospekte kein Volk "hatte", sich eben eines zurechtschneiden müsse. Genau das strebten die totalitären Parteien und Bewegungen an, die in den Staaten Mittel- und Osteuropas alle frustrierten Erwartungen und Ängste des Weltkrieges in ein Programm der autoritären Mobilmachung der Massen ummünzten. Getragen wurden sie nicht zuletzt von den Faszinationen, und mehr noch, von den verwandtschaftlichen Gefühlen, die ein gut Teil der Intellektuellen und Künstler des Zeitalters ihnen entgegenbrachte.


Es griffe allerdings zu kurz, darin nichts als künstlerische Selbstaufgabe oder "Verrat der Intellektuellen" zu sehen, wie ihn Julien Benda 1927 so leidenschaftlich angeprangert hat. Die Wahrheit ist schwieriger. Denn die radikale ideologische Parteinahme hat keineswegs verhindert, dass ein Teil der großen Literatur des Jahrhunderts gerade so entstanden ist. Der Hass oder die Verblendung des Autors sind in ihren Text als Signum der Zeit eingelagert und lassen sich nur um den Preis der Banalisierung philologisch wieder herausfiltern. Dass die Nationalsozialisten ihre unbeschränkte Herrschaft im Mai 1933 mit einem spektakulären Autodafé aller für "volksfremd", "seelenzerfasernd" oder "materialistisch" erklärten Bücher eröffneten, war eine gewaltsame Reaktion gegen diesen "relativistischen Zeitgeist". Hitler räsonierte bei späterer Gelegenheit einmal, die Entwicklung des einst "tatkräftigen" Volkes der Deutschen zu einem "Volk der Dichter und Denker" sei an sich schon eine Degenerationserscheinung gewesen.


So rangierten die Schriftsteller in der Hierarchie der Künste weit hinten. Albert Speer bezeugte, er habe Hitler "tatsächlich nicht ein einziges Mal über einen der repräsentativen Dichter des Dritten Reiches" sprechen hören. Gerade umgekehrt Stalin, der ein System repräsentierte, das im Gegensatz zu den neuheidnischen Riten des Nationalsozialismus viele Züge einer säkularen Schriftreligion trug. Einer der genialen Schachzüge Stalins war es, parallel zur Entmachtung der parteiinternen Opposition den heimwehkranken Maxim Gorki aus dem Exil zurückzuholen und als den Hohen Priester der neuen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken zu inthronisieren. Stalin und Gorki verkörperten nun in plakativer Weise das Bündnis von Macht und Geist. Gemeinsam formulierten sie die Kriterien eines "Sozialistischen Realismus", der mit allen Avantgardismen endgültig Schluss machte und eine volkstümliche, in traditionell russisch-realistischem Stil gehaltene Literatur und Kunst mit positiven Helden und aufbauendem Optimismus einforderte.


Entscheidend war jedoch, dass die Aufmerksamkeit der meisten Intellektuellen von dem okkupiert wurde, was sich in und um die "faschistischen" Mächte, besonders Nazi-Deutschland, zusammenbraute. Während der Erste Weltkrieg aus heiterem Himmel hereinbrach, konnte man den Zweiten von weitem kommen sehen. Der Exodus der jüdischen und oppositionellen Intelligenz aus einem Deutschland, das seinen eben noch umschwärmten Künstlern und Wissenschaftlern keine Träne nachweinte, tat ein Übriges. Hier kündigte sich ein Weltumsturz an, für den es keinen Maßstab gab. Bis heute sind wir nicht fertig geworden mit dem, was damals passierte. Diejenigen, die sich dem mit "Auschwitz" bezeichneten Zentrum des Schreckens literarisch genähert und ihre Erfahrungen verarbeitet haben, wie Paul Celan, Tadeusz Borowski oder Primo Levi, taten es unter Lebensgefahr. Das existenzialistische Credo, die Freiheit der "Wahl" des Individuums, war damit im Zeichen des neuen West-Ost-Konflikts unter den kategorischen Imperativ einer Parteinahme für oder gegen die Sowjetunion gestellt.


Der Charakter dieser Parteinahme war allerdings ein ganz anderer als eine Generation zuvor. Nicht um enthusiastische Vorstellungen einer zu entwerfenden und zu erschaffenden "neuen Welt" ging es mehr, sondern um eine existenzielle Entscheidung für oder gegen den "real existierenden" Sozialismus, weil er die einzige Gegenmacht zum globalen Imperialismus und Kapitalismus der USA darstellte. Das "Engagement", das Sartre vertrat, war also in erster Linie negativ bestimmt, als radikale Kritik der bürgerlichen Gesellschaft und Absage an die von Amerika aus vordringende Weltkultur. Auch die westdeutsche Nachkriegsliteratur hat sich überwiegend als eine "engagierte Literatur" verstanden, wenn auch nicht mit vergleichbarer Radikalität. Im Bann der eigenen deutschen Geschichte kreiste sie um das Phantom einer vermeintlich allgegenwärtigen Tendenz der "Restauration". Aus dieser schiefen Perspektive hat sie ihr eigentliches Sujet, die chaotischen und amoralischen Sozial- und Bewusstseinsformen, in denen sich die Gesellschaft der Bundesrepublik nach 1945 neu zusammengemendelt hat, zu einem gut Teil verfehlt.


Kein Wunder, dass die radikalen Studenten 1967/68 die "engagierten Schriftsteller", die sich eben noch als Speerspitze der Opposition gegen eine "formierte Gesellschaft" gefühlt hatten, plötzlich als Teil des Establishments und antiquierte Moralapostel verhöhnten. Als Böll im selben Jahr den Nobelpreis erhielt, war ihm Günter Grass, der Nobelpreisträger von 1999, fast schon voraus, was die Dauerpräsenz in der Öffentlichkeit betraf. Seit seinen Auftritten als Wahltrommler für die "EsPeDe" Willy Brandts hatte Grass seinen Ruhm als Autor der "Blechtrommel" (1959) bewusst in den Dienst einer politischen Pädagogik gestellt, die auch sein literarisches Werk zunehmend geprägt hat. Ähnliches ließe sich allerdings auch von den provokativen Interventionen seines früheren Mit- und heutigen Gegenspielers Martin Walser sagen: von seinem Essay "Unser Auschwitz" (1965) bis zur Friedenspreisrede 1998 über die angebliche Funktionalisierung ebendieses Themas als "Moralkeule".


Die biografische Quelle bleibt in beiden Fällen die gleiche: der Versuch, die Prägungen und Stigmatisierungen einer Kindheit im Nationalsozialismus künstlerisch und intellektuell zu bewältigen. Die Prognosen vom "Ende der Literatur" haben sich alles in allem nicht bewahrheitet. Vielleicht ist die Literatur erst heute dabei, in einem neuen Sinne zu werden, was Goethe als "Welt-Literatur" voraussah. Salman Rushdie in seinem Roman "Die Satanischen Verse" den emigrierten Imam sagen, der eine totalitäre Theokratie anstrebt, mittels deren die rasende Geschichte der Menschen wieder in die "Zeitlosigkeit Gottes" überführt werden könnte.youtube.com Das war ein genaues Porträt jenes Chomeini, der im Februar 1989 seine "Fatwa", das Todesurteil, gegen den Autor der "Satanischen Verse" schleuderte.


Dass es ein Roman war, ein Stück "schöne Literatur" also, und nicht etwa ein Hollywood-Film, ist kein Zufall. Nur ein literarisches Kunstwerk war und ist in der Lage, einen so komplexen metaphorischen Raum zu eröffnen, dass darin auch die "Großen Erzählungen" der alten Weltreligionen in einen neuen, Zeiten, Räume und Kulturen übergreifenden Handlungszusammenhang einfließen können. DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; VII. DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK; VIII. DES SOZIALEN WANDELS; IX. DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40 JAHRE DDR; XIII. Vorn: Agnes Fink, Ingeborg Bachmann, Rut Brandt; hinten: Fritz Kortner, Hans Werner Henze, Günter Grass, Willy Brandt, [http://www.gemaldekaufenonline.com/karl-hauptmann-c-1_190.html Karl Hauptmann Gemälde kaufen] Schiller, Hans Clarin 1965. DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; VII. DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK; VIII. DES SOZIALEN WANDELS; IX. DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40 JAHRE DDR; XIII.


Krankheit und Gefährdung, Schuld und Exzess bis zu einer "abscheulichen Mischung von Wollust und Grausamkeit", aber auch robuste Unbildung sei für "jenes bekannte Völkchen" die Normalität gewesen, schrieb Nietzsche. Lehrreich sei das allemal, aber bestimmt kein Anlass zur Glorifizierung. Erheblich weiter als die beiden Gelehrten ging kurz darauf ein Mann mit echter Richtlinienkompetenz: Die Schule solle gefälligst "nationale junge Deutsche" erziehen, "nicht junge Griechen und Römer", polterte Kaiser Wilhelm II. Überraschungsgast der Berliner Schulkonferenz von 1890. Sosehr sich die eingefleischten Humanisten in Schule und Universität sträubten: Als zentrale Bezugsgröße, das beweisen Lehrpläne, hatten die Hellenen bald ausgedient. Nur eine unbeirrbare Minderheit von Bildungsbürgern ließ sich - von der faszinierenden Lektüre Burckhardts und Nietzsches nur bestärkt - ihre Griechen-Verehrung auch weiterhin nicht ausreden.


Gerade diese Unentwegten traf es tief, als der Wiener Poet Hugo von Hofmannsthal sie 1903 mit einem Bühnenwerk schockte, das sich äußerlich nach Sophokles' Tragödie "Elektra" nannte, tatsächlich aber ein Fanal von Rachsucht und Ohnmacht, finsteren Blutphantasien und Psycho-Horror bot. Mit noch nicht 30 Jahren hatte der überaus belesene Autor gezeigt, wie rätsel-, ja schauderhaft das angebliche Mustervolk der Humanität erscheinen konnte. Die "Elektra", später von Richard Strauss kongenial vertont, markiert den Auftakt zur Wiederentdeckung all dessen, was am Griechischen so lange verdrängt worden war: Raserei, Ekstase und Marter - ein Arsenal alles Unbürgerlichen. Verständlich, dass Hofmannsthal Bedenken hatte, als ihn sein Freund Harry Graf Kessler, der Homer-Leser, 1908 zu einer Reise nach Griechenland einlud, obendrein in Begleitung des Bildhauers Aristide Maillol. Schwer verstört brach der Dichter nach nicht einmal zwei Wochen den Besuch ab; von Entdeckungen am Quell europäischer Kultur konnte keine Rede sein.


Grenzenlos enttäuscht habe er einsam zwischen Säulentrümmern auf der Athener Akropolis gesessen, berichtete er später. Erst im Hinterzimmer eines dämmrigen Museums sei er dann doch noch fündig geworden, zwischen fünf antiken Frauenstatuen, deren "völlig unsägliches Lächeln" plötzlich "lautlosen Tumult" und eine Ahnung von Ewigkeit in ihm erweckt habe. So stark die Szene im Rückblick literarisch ausgestaltet sein mag: Gerade durch seine bohrende Ehrlichkeit erweist sich Hofmannsthal als einer, der sich nicht touristisch abspeisen ließ wie viele Zeitgenossen. Eben noch hatte der gefeierte Dramatiker Gerhart Hauptmann in seinem Reisetagebuch "Griechischer Frühling" mit öligem Pathos "den Hauch des herrlichen Götterlandes" gefeiert und gegen "die blutlose Liebe zu einem blutlosen Griechentum" gewettert.


Doch derlei Sprüche hinterfragten das überkommene Ideal offenbar nicht radikal genug. Fesselnd wirkte nun vor allem die wuchtig-lapidare hellenische Frühzeit - das bewiesen schon die vielen tausend Zuschauer, die 1910 in der Münchner Festhalle und dann im Berliner Zirkus Schumann Max Reinhardts archaisierende Inszenierung des "König Ödipus" verfolgten. Es war das Verdienst von Skeptikern wie Hofmannsthal, dass Propagandisten für das millionenfache Gemetzel des Ersten Weltkriegs nur selten Vergleiche mit Helden des Altertums bemühten. Auch Hofmannsthals herrischer Kollege, der von griechischer Größe und Freundschaft lebenslang inspirierte Stefan George ("Hellas ewig unsre liebe"), ließ sich dazu nicht hinreißen. Aus absterbender Schulideologie und Professorenphrasen sollte Griechenland in gänzlich anderen Gestaltungen neu erstehen.


Wohl die verblüffendste solcher Anverwandlungen ist James Joyces zwischen 1914 und 1921 entstandener Roman "Ulysses". Wie der Sprachfallensteller Joyce in seinem formsprengenden Opus über einen Tag im Leben des Dubliner Anzeigenmaklers Leopold Bloom eine Parodie und zugleich welthistorische Antwort auf Homers "Odyssee" liefert, ist seit dem Erscheinen des Buches hundertfach analysiert worden. Literarische Parallelen wie List, Heldentum, Ehebruch und Vaterschaft waren auf den ersten Blick erkennbar; aber auch in Details griff Joyce auf das große Vorbild zurück. Damit setzte er ein Zeichen für die Zukunft: Nicht um billig verwertbare Floskeln oder museale Verklärung griechischer Vorbilder, sondern um lebendige Tradition musste es gehen.


Auch die Philologen, von denen einige noch bis weit ins 20. Jahrhundert die Mär vom "Künstlervolk der Griechen" (Werner Jaeger, 1934) zu retten versuchten, haben das inzwischen einsehen müssen. Spätestens seit 1945, als niemand mehr leugnen konnte, wie mühelos braune Propagandisten und Rassenideologen griechische Ideale von Körper, Geist und politischer Entschlusskraft hatten vereinnahmen können, war mit Parolen von hellenischer Größe und Opferbereitschaft kein Staat mehr zu machen. Vom Neoklassizismus so verschiedener Architekten wie Oswald Mathias Ungers, Leon Krier oder Hans Kollhoff bis zur aristotelisch inspirierten Ethik der US-Philosophin Martha Nussbaum: Griechischer Geist setzt weiterhin Maßstäbe. Von Pier Paolo Pasolinis asketisch herben Ödipus- und Medea-Filmstudien (1967/69) bis zu Wolfgang Petersens Ilias-Kinospektakel "Troja" (2004): Die Heroen leben fort. Niemand braucht zu fürchten, dass sich die einzigartige Anregungskraft dieser Weltkultur je abnutzen könnte. Was aus Griechenland wird, liegt weiterhin allein an denen, die sich von ihm inspirieren lassen. Sollen also die Kummer gewohnten Götter des Olymp doch gern mal zwischendurch in der Londoner Vorstadt absteigen - wenn sie nur gut erfunden sind.


Füllner hatte sich von jedem der Mitarbeiter eine Vollmacht geben lassen, um - angeblich der Einfachheit halber - die uns von der Regierung zugedachten Monatsgehälter durch seine Sekretärin Fräulein Wiegels abholen zu lassen.youtube.com Die meisten Kollegen wußten gar nicht, was ihnen zustand. Nun kam heraus, daß er nicht nur das Geld für einen zunächst noch gar nicht eingetroffenen Ingenieur kassierte, sondern von den meisten Monatsgehältern einen Teil bis zu einem Drittel einfach für sich behalten hatte. PAG-Füllner hatte in Ägypten ausgespielt. Die von Füllner nach Kairo gelotsten Ingenieure und Chemiker, die zum Teil schon ihre Familien nachgezogen hatten, versuchten krampfhaft, ihre Existenz zu retten und neuen Anschluß beim regierungsamtlichen "Department for Research and Development", Kairo.


Abbacia Barracks, zu finden, in dem schon mehrere deutsche Fachleute, an der Spitze der frühere Generaldirektor der Reichswerke und Präsident der Skoda-Werke, Dr. Wilhelm Voß, tätig sind. Füllner stellt diese Auflösung seines Teams so dar, als seien "seine" Chemiker und Techniker durch Druck und Drohung zum Dienst beim "Department for Research" gepreßt worden. Er pocht auf eine Order des persönlichen Sekretärs von König Faruk, Hussein Hosny Pascha, "daß die Endabwicklung mit der PAG freundschaftlich erfolgen" solle. Füllner soll und will nach Deutschland zurück. Am 21. Januar 1951 besetzen ägyptische Soldaten sein PAG-Labor in Shoubra. Die resolute Sekretärin Renate Wiegels kommt in handgreifliche Berührung mit dem Besetzungskommando. Die Liquidierung der PAG Near East zieht sich bis Anfang April hin.


Die Ägypter verlangen die Herausgabe von Hilfsgeräten und Aufzeichnungen. Füllner sträubt sich und wird - nach Pitzken - "sehr massiv". Auch seine ehemaligen Freunde der nunmehr entthronten Wafd-Partei ziehen sich von ihm zurück. Am 8. April landet Füllner plötzlich auf dem Züricher Flugplatz Kloten. Er hat den Kairoer Hexenkessel ungehindert verlassen und verlangt nun, auf Grund eines ägyptischen Ausländer-Passes, ein Visum für die Schweiz. Erst auf Intervention seiner früheren Anwälte wird ihm ein 48stündiger Aufenthalt in Zürich zugestanden. Sie glauben nämlich, er wolle endlich seine Schulden bezahlen. Statt dessen versucht er ein letztesmal einen Weg zu finden, um Konstruktionspläne aus Ägypten nach der Schweiz zu schmuggeln. Als er merkt, daß er auch hier nicht mehr den geringsten Kredit hat, will er sofort weiterfliegen. Da erwirken seine früheren Anwälte einen Arrest gegen ihn. Füllner wird vor dem Weiterflug vom Gemeinde-Ammann in Kloten einer eingehenden Leibesvisitation unterzogen. Doch im Gepäck befinden sich nur alte Bekleidungsstücke, die man ihm läßt. Zehn Tage später - nach peinlicher Haft im Ausländergefängnis - werden Sekretärin Renate Wiegels und der letzte Füllner-treue Chemiker aus Kairo abgeschoben. Die britisch beeinflußte Auslandspresse bringt hämische Sensationsberichte über das Glück und Ende deutscher Raketenforscher.


Im Interview mit Katja Nicodemus spricht der palästinensische Regisseur Hany Abu-Assad über seinen Berlinale-Film "Paradise Now", der von zwei Selbstmordattentätern und ihren fanatischen Hintermännern handelt. Weitere Artikel: Hanno Rauterberg wandelt verzaubert durch den von Jeanne-Claude und Christo aufgehübschten Central Park in New York (mehr hier). Thomas E. Schmidt betrachtet belustigt den Titanenkampf der Kleinstädte um die Ehre, Kulturhauptstadt zu werden. Sybille Berg erklärt uns die Welt. Thomas Groß streift durch Swinging Istanbul. Barbara Ungeheuer und Volker Schlöndorf nehmen Abschied vom Dramatiker und Freund Arthur Miller. Georg Seeßlen beschwört Jean-Luc Godards Filmklassiker "Die Verachtung". Christoph Dieckmann trifft die Rockveteranen David Crosby und Graham Nash auf ihrer Europa-Tournee.


Wolfram Goertz bespricht Matthias Hartmanns Inszenierung von Jon Fosses "Todesvariationen" in Bochum. Im Aufmacher des Literaturteils erklärt Dieter Hildebrandt, warum es sich wieder lohnt, Alfred Andersch zu lesen. Für das Dossier hat Christof Siemes die halbjährigen Vorbereitungen für die Händel-Oper "Julius Caesar" an der Hamburger Staatsoper begleitet. Jörg Plath anlässlich der Verleihung des Chamisso-Preises an Zaimoglu. Weitere Artikel: Harry Nutt erinnert an den Kunstkritiker Karl Scheffler und sein Buch "Die fetten und die mageren Jahre", Jamal Tuschik hat dem Auftakt von Michael Mittermaiers "Paranoid"-Tournee verfolgt. Times Mager erzählt Martina Meister, dass es in "Frankreichs politischen Sphären eben immer noch wie bei Hofe" zugeht. In der FRplus singt Silke Hohmann ein Lob der weiblichen Mitte, und "Gespenster"-Regisseur Christian Petzold spricht im Interview über den deutschen Film, das Parfüm Berlins und das Finden und Verlieren von Erzählungen.


Berlinale: Unfähigkeit zur Ironie tötet, hat Brigitte Werneburg in "Top Spot" gelernt, dem Spielfilmdebüt der britischen Künstlerin Tracey Emin. Manches Symbol spricht eine allzu deutliche Sprache, etwa wenn Putin die alte sowjetische Nationalhymne, die Jelzin durch eine andere Melodie ersetzt hatte, wieder einführt, allerdings mit neuem Text. Mancher Russe sagt, dass die alte Hymne einfach viel schöner war. Für Putin dürfte anderes wichtiger sein. Die alte Hymne wurde 1943 unter Stalin komponiert und hat die Sowjetunion bis zu ihrem Ende repräsentiert. Sie steht also für die sowjetische Weltmacht, die sich aus den Trümmern erhob, die der Zweite Weltkrieg hinterließ." Als Motiv für diese symbolische Politik wittert Boomgarden persönlichen Ehrgeiz: "Hier wird Machtpolitik auf dem Felde des Symbolischen getrieben. Gemäß der Verfassung ist es Putin nicht erlaubt, ein drittes Mal zur Präsidentschaftswahl anzutreten. Oder gegen diese Pop-Idol-Leute? Es ist nicht ausgeschlossen, dass auf dieses Regime eines folgt, das sich aus radikalen russischen Nationalisten rekrutiert, vielleicht aus einer der derzeit verbotenen Parteien. Heute schon propagieren sie ihr Programm von der Auferstehung eines russischen Imperiums und der Wiedergeburt der russischen Nation. Ihre Anführer nennen sich 'Dritte Kraft', hinter Kommunisten und Demokraten. Sind das noch Städte‭ - ‬oder gewaltige Mega-Slums mit ein paar wohlhabenden Festungen dazwischen‭, ‬armiert mit elektrischen Zäunen und bewacht von privaten Milizen? ‬Er betritt die Bühne wie Hans Moser‭, ‬wenn er sich in abgewetzter Kellnerlivree von der Seite mit einer Anfrage einer höher gestellten Person nähert‭.


Das sowjetische Vaterland war in Gefahr, jeden Augenblick kannten die Armeen Adolf Hitlers in Rußland einfallen. Alexander Erdberg, Spionage-Beauftragter der sowjetischen Botschaft in Berlin, erhielt die letzten Instruktionen aus Moskau: keine Zeit mehr verlieren, Agenten-Alarm auslösen. Erdberg hatte einige Funkgeräte beschafft und jedes Gerät in einem Koffer verstaut. Dann begab er sich mit einer Fahrkarte auf den verabredeten Bahnhof. Dort wechselte der Koffer seinen Besitzer. Schweigend nahmen die Deutschen das Funkgerät entgegen, schweigend entfernten sie sich. Nach der Verteilung der Funkgeräte folgte ein letzter ideologischer Appell. Agentenwerber Erdberg ermahnte seine deutschen Freunde, die Sowjet-Union in der Stunde größter Not nicht im Stich zu lassen; jedes militärische Detail, jede Nachricht über Hitlers Kriegsmaschine werde der Roten Armee den Kampf gegen den faschistischen Aggressor erleichtern.


Jedes Mitglied des Berliner Spionagerings erhielt einen Decknamen, unter dem es in der Zentrale des sowjetischen Geheimdienstes geführt wurde. Harnack (Deckname: "Arwid") bekam eine Chiffrierliste, Coppi (Deckname: "Strahlmann") einen Funkverkehrsplan. Ein Packen Geldscheine war für die Anwerbung neuer Mitarbeiter bestimmt. Erdberg zahlte 13 500 Reichsmark aus. Schulze-Boysen (Deckname: "Choro") und Harnack verteilten das Geld. Informanten-Gruppe "Choro" unter Schulze-Boysens Leitung, dem überdies die Gesamtführung der Organisation oblag. Doch der Anfang stand unter einem ungünstigen Stern. Greta Kuckhoff hatte nach dem Treff auf dem U-Bahnhof bei der Heimfahrt den Koffer mit dem Funkgerät fallenlassen; als die Kuckhoffs den Sender zu Hause testen wollten, gab er keinen Ton von sich.


Die beiden wurden -- von Panik ergriffen.youtube.com Sie versteckten den unbrauchbaren und doch so gefährlichen Sender im Hause. Aber auch das genügte ihnen nicht. Adam Kuckhoff holte das Gerät wieder hervor und vergrub es im Garten eines ahnungslosen Nachbarn. Auch Coppi hatte mit seinem Gerät kein Glück.youtube.com Erdberg hatte dem Anfänger Coppi ein veraltetes Batteriegerät anvertraut, das nur über eine geringe Frequenz und Reichweite verfügte. Coppi konnte mit dem Gerät so wenig umgehen, daß Schulze-Boysen von der Sowjetbotschaft einen besseren Sender anforderte. Die Sowjets lieferten neue Apparate.youtube.com Das Ehepaar Kuckhoff erhielt einen zweiten Sender, und auch dem Dreher Coppi wurde auf dem S-Bahnhof "Deutschlandhalle" ein neuer Koffer zugeschoben.

Persönliche Werkzeuge